Donnerstag, 20.1.2005

Heute vor 14 Monaten wurde Fabienne geboren. Wie damals regnet es und es ist kalt. Ich werte das als gutes Zeichen. Von meiner Cousine erhalte ich eine SMS: "Schaut nach draußen, die Sonne lacht nicht. Sie denkt an euch wie ich."

Fabienne hat eine verzögerte Blutgerinnung. Zweimal bekam sie in der Nacht zusätzlich Blut abgenommen, um neue Tests zu machen. Ich hatte mir vorgenommen, sie um sieben Uhr zu wecken, zu waschen und einzuölen. Ihr ein Netzhemd anzuziehen und den Schlafanzug ... halb acht sollten wir in den OP-Bereich kommen. Die Planung setze ich nicht in die Tat um, noch haben die Ärzte nicht entschieden, ob sie trotz der Gerinnungsstörung operieren. Wir warten auf Abruf ... der kommt.

Auch im Interesse von Ingo bitte ich im Anbetracht der Umstände darum, dass mindestens eine Blutkonserve im OP ist und nicht wie geplant auf Abruf in der Blutbank liegt. Der Wunsch wird akzeptiert, ich lasse mir die Konserven vor dem OP zeigen.

Es wird ernst. Der Anästhesist will Fabienne sofort mitnehmen, die weint natürlich. Ich sage ihm, dass ich bei der Narkose bei sein will. Bekomme erstmal eine freundliche Absage, dass ich nicht mit in den OP darf. Aber dieses Mal bin ich vorbereitet und beziehe mich auf den Absatz im Aufklärungsbogen, in dem darauf hingewiesen wird, dass das Kind bereits im Vorraum ein Mittel bekommt und in den Armen der Mutter einschlafen kann. Es kommt kein Widerspruch und so erhält Fabienne ein Beruhigungsmittel über den Katheder, dass sie schläfrig macht. Im Halbschlaf lege ich sie in die Arme des Anästhesisten, bei dem sie auch wieder aufwachen wird. Noch ein Kuss, das Runterschlucken der Tränen und weg ist mein Baby ...

Ingo kommt kurze Zeit nach mir auf der Onkologie an. Er hoffte, Fabienne noch zu sehen - aber es ging dann doch alles schneller als gedacht. Wir packen unsere Sachen ins Stationsbad, denn wie lange Fabienne nach der OP auf Intensivstation bleibt, weiß keiner im Voraus. Und so räumen wir unser Zimmer ...

Dann gehen wir in die Cafeteria, ich habe noch nicht gefrühstückt, will aber das Klinikgelände nicht verlassen. Wir vertreiben uns die Zeit mit Ingos Laptop, er hat ein Siedlerspiel für meinen Mac gefunden. Ganz plötzlich wird mir speiübel ohne dass ich das Bedürfnis habe, mich zu übergeben. Meine Knie sind butterweich und ich sehne mich mit einer Macht zu Fabienne, die mich umhaut. Die Uhr zeigt halb zehn .... Da wir um zehn vor dem OP warten sollen, machen wir uns langsam auf den Weg, schnappen noch ein wenig frische Luft und sind überpünktlich im Wartezimmer. Dort beginnt die Zeit zu schleichen, sie kriecht so vor sich hin und niemand kommt.

Halb elf taucht der Kinderchirurg auf. Alles in Ordnung, Operation gut verlaufen. Die Nebenniere konnte sauber entfernt werden, um die Metastase kümmert sich gerade seine Kollegin. Ich komme nicht umhin ihn zu fragen, ob er noch weiß, was er halb zehn getan hat. Er kann sich erinnern: Halb zehn hatte er gerade den Tumor in der Hand und drückte ganz vorsichtig die wichtige Aorta weg, die dort verläuft und auf keinen Fall beschädigt werden sollte. Und schon habe ich Gänsehaut - dass es solche enge Verbindung gibt, hab ich schon gehört aber nie geglaubt.

Unser Oberarzt von Station, der gleich am Anfang im OP eine Knochenmarkspunktion vorgenommen hat, bringt mir wunschgemäß zwei kleine Behälter: einer mit der Nebenniere und einen mit der Metastase. Die Ausbeulung durch den Tumor in der Nebenniere ist noch sehr deutlich zu sehen. Wenn ich mir vorstelle, dass der mal doppelt so groß war, wird mir wieder übel. Fabienne kommt noch ziemlich im Rausch der Narkose auf die Intensiv. Ich kann für zwei Nächte ein Elternzimmer nutzen, dann ist das Zimmer reserviert. Fürs erste mache ich mir aber weniger Sorgen um den Schlafplatz. Die kleine Maus schläft den ganzen Tag lang, ab 14 Uhr dürfte ich sie stillen. Die erste Mahlzeit nimmt sie gegen 17 Uhr, spuckt einen Teil davon aber beim darauf folgenden Sono, das sie ziemlich nervt, im Schwall wieder aus. Der Hb ist nicht der beste, aber die Ärzte entschließen sich, keine Transfusion vorzunehmen.