4 Wochen Rehabilitationsklinik Katharinenhöhe bei Schönwald im Schwarzwald

Dies wird ein Rückblick auf unsere Familienkur. Er wird nicht kurz werden, fürchte ich. ----

25.8.2005 - Abfahrt nach Ehekrach und mit viel zu vollem Auto. Wir übernachten bei Kerstin in Neuhof, werden dort gut und viel zu reichlich durchgefüttert. Es tut gut, diese Familie kennenzulernen. Ich würde so gern länger bleiben, trotz Spinne.

26.8.2005 - Abfahrt in Neuhof mit schwerem Herzen. Ankunft in der Katharinenhöhe. Fremde Menschen, bei denen wir uns nun vier Wochen wie zu Hause fühlen sollen. Fremde Menschen, mit denen wir ins Gespräch kommen sollen?

Kuralltag

Medizinischer Check, Begrüßungsgespräch mit einem psychosozialen Mitarbeiter, Informationsaustausch zwischen uns und der Ernährungsberaterin, für die Kinder erstes reinschnuppern in ihre Kindergruppen - das Wochenende vergeht wie im Fluge. Sonntagabend gibts es den Therapieplan. Krankengymnastik für Fabienne - ich bin irritiert, aber sie werden sich was dabei denken. Bewegungsbad, Rückenschule, Massage, Gesprächs- und Entspannungsgruppe für Ingo und mich. Teilweise müssen wir schnell von einem Termin zum anderen. Klingt irgendwie stressig. :) Ariane geht vorerst leer aus, keine Termine.

Rehaalltag: 8 Uhr Frühstück, dann Zähneputzen, Kinder in die jeweiligen Gruppen bringen und dann geht es los mit den Anwendungen. Für unsere Familie gibt es um 12 Uhr Mittag, Abendessen folgt für alle um 18 Uhr. Schnell arrangiert man sich, schnell kriegt man Übung. Zuspätkommen ist nicht strafbar, was mich unheimlich beruhigt.

Ariane schafft es nicht, in der Klinik anzukommen. Sie tickt total aus, läßt nichts an sich ran, läßt sich nichts mehr sagen, treibt mich in den Nervenzusammenbruch. Bei der ersten Gesprächsrunde breche ich in Tränen aus. Keine Kraft mehr, ich schäme mich in Grund und Boden und kann die Tränen doch nicht zurückhalten. Keiner verurteilt, keiner zeigt übertriebenes Mitleid. Jeder kann nachfühlen, die erfahrenen Mütter mit zwei Kindern plaudern aus der Erinnerung, geben Anregungen und Ideen. Herr Schmidt, unser psychosozialer Mitarbeiter, hat auch den einen oder anderen guten Ansatz. Wir packen alles zusammen, probieren und siehe da ... Ariane rappelt sich, nachdem sie einen eigenen Arzttermin hatte und dort untersucht, die blauen Flecken eingecremt und mit einer Binde versorgt wurden. Stolz trägt sie ihren Verband und die Zickenallüren reduzieren sich auf "Normalmaß" einer Dreijährigen.

Zwischen den Anwendungen bleibt Zeit. Zeit für kreative Taten. Teller-Tassen-Müslischalen ist das erste Angebot aus einer Vielzahl von Möglichkeiten. Wir machen mit - vier Müslischalen selbstbemalt und anschließend professionell gebrannt und lasiert stehen jetzt hier und warten auf Benutzung.

Ich bleibe beim Malen und widme mich der Seidenmalerei. Ingo plant derweil Kunstwerke aus Speckstein. Auch ich werde noch mit dem schönen Material arbeiten. Holzwerkstatt steht auch auf dem Plan, doch unsere Ideen legen wir auf Eis mangels passendem Werkzeug. Sägen für gerade Schnitte in dickerem Holz sind nicht da, wir überlassen den Raum den Vätern, die Holzgewehre bauen. :(

Scheinbar müssen alle sich erstmal beschnuppern ... ab der zweiten Woche werden die abendlichen Runden in Barnähe geselliger, es wird ein Skip-Bo-Spiel ausgepackt und kräftig gezockt. Die Runde wird nach und nach größer. Manchmal reden wir über die Kinder, die Therapie, die Zukunft. Aber oft auch über uns, über Gott und die Welt und andere "unverfängliche" Dinge. Tamara wird zu einer lieben Freundin, ich mag diese Familie so sehr. Ob das nach der Kur eine Zukunft hat? Nur nicht daran zweifeln ... sonst werd ich traurig. Ich wollte doch keinen in mein Herz schließen. Und nun ist es passiert. Nun muß ich das beste daraus machen und kann nur hoffen, dass sie genauso denkt. Aber das kann man ja erfragen - dank ausgetauschter Adressen ist das erstmal kein Problem.

Ich nehme die Möglichkeit eines Einzelgespräches bei Herrn Schmidt wahr. Ich brauche Hilfe, die Schubladen in meinem Kopf zu sortieren und zu schließen, das Chaos frißt mich mehr und mehr auf. Ein zweites Gespräch folgt. Das dritte wandeln wir zum Paargespräch um, Ingo kommt mit. Ich hab neue Denkansätze bekommen, die mich weitergehen lassen. Ich schließe einige Schubladen, werde wieder eine eigenständige Person. Mein ICH ist wieder da. Das schlechte Gewissen rund ums Abstillen macht der Erleichterung über Fabiennes ersten überstandenen Schnupfen mit eigenem Immunsystem Platz. Die Ehe versuchen Ingo und ich unter vier Augen wieder in die rechte Richtung zu biegen, indem wir reden ... reden ... reden ... und Konzepte ausarbeiten. Ich beschließe für mich, auch die psychologische Betreuung der Uni in Anspruch zu nehmen, wenn das Studium beginnt.

Wochenenden sind Freizeit. Wir machen Ausflüge mit den Kindern. Das Freigehege Mundenhof bei Freiburg ist unser erstes Ziel. Ein Besuch in Filderstadt bei Ingos Halbschwester mit ihrem Mann und der Tochter in Arianes Alter, Triberger Wasserfälle, Affenberg bei Salem (Bodensee), Erlebniswelt Sipplingen und Bummeln in Villingen folgen. Nicht zu vergessen ein Treffen mit lieben Leuten, die ich bislang nur aus dem Internet kannte, in der Spielscheune in Unterkirnach. Himmel war das ein wunderbarer Nachmittag, gefolgt von einem leckeren Abendessen außerhalb der Katharinenhöhe. Das Essen ist gut und lecker und ich fürchte um mein Gewicht.

Wie gut, dass wir Bewegung haben. Die wird durch die Brendwanderung noch erweitert. Mit zwei Reisebussen gehts hoch auf den Berg und in der großen Gruppe gehts wieder zu Fuß in die Katharinenhöhe. Spinner vom Dienst - Edwin - und Erzieherin Ira halten den chaotischen Haufen zusammen. Alle haben Spaß, Ariane läuft überraschend ausdauernd, wenn auch langsam, etliche Kilometer. Als sie müde ist, zieht Fabienne in den Tragesack um auf meinen Rücken und Ariane macht es sich im Buggy gemütlich. Die Rechnung fürs Tragen folgt auf dem Fuße: Rückenschmerzen. Der Sack war falsch eingestellt. Bei der Massage erholen sich die Schultern wieder, dennoch ... Frank als Masseur vermisse ich, als seine Zeit nach zwei Wochen um ist. Er ist so schnuckelig, auch wenn er noch sehr jung ist.

Die Zeit vergeht so schnell. Fabienne macht enorme Fortschritte. Die Kindergruppe tut ihr gut, sie geht so gern hin und nur am ersten Tag muß ich sie abholen. Danach kommt keine Durchsage mehr. Bei der Krankengymnastik wird sie gefordert und gefördert. Beim letzten Termin zeigt mir Ina, was sich verbessert hat und ich komme nicht um die Feststellung herum, dass es wirklich wahnsinnig viel gebracht hat. Wir sollen zu Hause weiter KG machen, wird mir ans Herz gelegt.

Ariane findet zwar keine echten Freunde, kommt aber mit einigen Kindern gut klar. Ein Junge im Rollstuhl hat es ihr besonders angetan, sie redet oft und viel von ihm. Er ist aber auch ein süßer Bengel ... Die Kindergruppe mag sie, besonders die Erzieherin Ira. Das Lied, welches vor der Obstpause gesungen wird, hat sie schnell im Kopf und singt es immer und immer wieder. Ich staune, was sie sich so alles merken kann.

Schneller als mir lieb ist, kommen die letzten Termine. Die Abschlußuntersuchung birgt freudige und weniger erfreuliche Nachrichten. Dass Ariane und Fabienne jeweils 300 g zugenommen haben, finde ich super. Fabienne hat damit endlich die für mich so magische Grenze von 10 kg geknackt. Weniger anfreunden kann ich mich mit den 2,5 kg mehr, die meine Wenigkeit auf die Waage bringt. Da macht sich doch glatt bemerkbar, dass ich nicht mehr stille. Keiner mehr da, der zusätzlich Kalorien zieht ...

Und schon ist der Abschlußabend da. Ingo ist mutig - er hält die Abschlußrede. Ein anderes Paar überreicht dem Chef der Klinik, Herrn Maier, unser Abschiedsgeschenk: ein Holzdrachen, dessen Schleifen mit unseren Familienfotos geschmückt sind und einen Dose mit gespendetem Geld für die Klinik. Der Abend ist lang, die Nacht kurz und schon sind die ersten auf dem Heimweg. Einige treffen wir noch beim Frühstück, kurze schmerzlose aber herzliche Veranschiedungen folgen. Bei Tamara fällt mir die Trennung schwer ... Und dann sind auch wir auf dem Heimweg.

23.9.2005 - Von der Katharinenhöhe führt uns der Weg nach Bietigheim-Bissingen. Bei Ute warten leckere Maultaschen auf hungrige Mäuler. Die Zeit ist knapp bemessen, aber dennoch wunderbar herzlich. Am Nachmittag schlagen wir bei Conny auf, die für uns schon die Betten bereit gemacht hat und leckere Leberkässuppe kocht.

24.9.2005 - Uns hetzt keiner und so gehen wir mit allen Kindern noch auf den Spielplatz, genießen wunderbar knusprigen bayrischen Schweinebraten und ziehen dann schweren Herzens mit hustender Ariane weiter Richtung Heimat. Dabei war es doch so gemütlich ... Als daheim das kranke und das kleine Kind im Bett liegen, kann ich nach Hause kommen.