Dienstag, 19. Oktober 2004

Endlich sieht Fabienne wieder einem Baby ähnlich. Und sie duftet auch so, nachdem sie gewaschen wurde. Mein Herz macht einen ziemlichen Hüpfer beim Anblick des nackten Mädchens, dass deine Nase tief in ihren geliebten Wichtel vergraben hat. Zwei Zugänge liegen noch und die Magensonde. Letztere zieht Fabienne sich zur Hälfte selbst und dann wird sie gänzlich entfernt. Das Lächeln entblößt einen neuen Zahn. Da der Tee vom Morgen im Magen bleibt, darf Fabienne mittags ein Gemüsegläschen essen.


Der Schock folgt auf dem Fuße: Beim gestrigen Ultraschall entdeckten die Ärzte einen Schatten an der Niere. Noch ist unklar, worum es sich handelt, ein neuer Ultraschall soll Aufschluß geben. Ergebnisse vom MRT gibt es noch nicht, aber das Antibiotikum wird abgesetzt. Der Ultraschallbefund sei nicht eindeutig, wird mir gesagt. Fabienne hat zu viel Luft im Bauch, also Blähungen, so dass das Bild nicht klar wird. Andere Ergebnisse will mir die Stationsärztin mitteilen, wenn beide Elternteile da sind. So muß sie nur einmal reden. Ich habe Angst, die mir auch der Besuch in der Kirche nicht nehmen kann.

Fabienne gewinnt ein Stück weit Freiheit. Nur noch ein Zugang liegt, ist aber abgestöpselt und mit einem Verband gesichert. Die Überwachung bleibt, aber sie kann sich freier bewegen. Fabienne stillt und ich fühle mich nicht nur körperlich erleichert. Sie schläft viel, spielt wenig und versteht die Welt nicht mehr, das sieht man immer wieder in ihrem Gesicht.

Abends ist dann auch Fabiennes Papa Ingo da. Die Ärztin bittet uns in ihr Zimmer und bringt eine Kollegin zur Verstärkung mit. Ich fühle mich wie ein Lamm auf der Schlachtbank. Wie versteinert sitze ich da, als die Aufklärung kommt: Alle Untersuchungsergebnisse zusammen ergeben ein tumoröses Gebilde. Genaueres weiß man noch nicht, man vermutet aber ein Neuroblastom. Ich höre Ingo Fragen stellen, höre Antworten ohne sie zu registrieren und verlasse irgendwann fluchtartig den Raum, um vor der Tür in Tränen auszubrechen. Kann und will nicht glauben, was uns da gesagt wird.

Ich stehe mit tränenüberströmtem Gesicht an der Tür zu Fabiennes Zimmer, sehe sie schlafend im Bett liegen und will nicht glauben, dass sie uns genommen werden soll.