Tagebuch

Dienstag, 2. November 2004

Langsam stellt sich Alltagsleben ein. Nur nicht beim Blutdruckmessen. Da weint Fabienne noch immer bitterlich. Heut bekomme ich den Hinweis, dass sie an die Überwachung angeschlossen werden muß, wenn sich ihr Verhalten nicht ändert. Ich empfinde das als Erpressung und suche nach Möglichkeiten, Fabienne die Prozedure schmackhaft zu machen. Ergattere dafür eine Blutdruckmanschette als "Dauerschmuck" fürs Fußgelenk und erbitte häufigeres Messen. Mache mich dabei voll zum Clown, nur um Fabienne bei Laune zu halten.

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Mittwoch, 3. November 2004

Der gewöhnliche Alltag wird durch das Elternfrühstück unterbrochen, dass ehemals betroffene Eltern für die Eltern auf Station veranstalten. Zeit zum genußvollen Essen, zum Reden, zum mal auf andere Gedanken kommen und zum Austausch. Die dort aufgebaute gute Laune kann auch die Psychologin nicht vertreiben, die mich vorsichtig darauf hinweist, dass sich Schwestern über meinen nicht gerade angenehmen Körpergeruch beklagten. Ich muß ihr sagen, dass ich mir dessen sehr bewußt bin, da ich ihn selbst wahrnehme. Dass ich ihn aber momentan auch nicht beeinflussen kann, denn zum einen ist es eine für mich leider typische Eigenschaft in der Stillzeit - und ich stille inzwischen wieder voll. Zum andern fehlen mir im Krankenhaus die Mittel zum Mischen eines speziellen Duschgels, mit dem ich das bislang in den Griff bekommen habe.

   

Donnerstag, 4. November 2004

Für kurze Zeit sind wir eine fast ganz normale Familie: Wir toben und spielen auf dem Charitespielplatz, wippen mit den Kindern und testen den auf dem Gelände stehenden Spielhubschrauber und den Krankenwagen. Fabienne tut das fröhliche Geplapper ihrer Schwester wieder sehr gut. Und auch die Bewegung an der frischen Luft.

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Freitag, 5. November 2004

Fabienne verliert die ersten Haare. Früher als eigentlich üblich. Ich bitte auf Station um eine Schere. Ich will ein paar Strähnen aufheben und schneide ihr die Haare über den Ohren ab. Sieht im Nachhinein sogar richtig schick aus, wenn auch nicht perfekt gerade. Wehmütig betrachte ich Fabiennes so wunderbar vollen Haarschopf. Das wird sich wohl bald erledigt haben. Keine Zöpfe mehr, keine süßen Spangen.

Nach dem täglichen Spaziergang empfängt uns der Pfleger mit der Nachricht, dass wir nach Hause dürfen. Ich schaue ihn ungläubig an, aber er scherzt nicht. Händigt mir stattdessen ein kleines Oktavheft aus, in dass ich zukünftig dreimal täglich Fabiennes Temperatur eintragen muß und den Stuhlgang und Besonderheiten. In dem auch die Mengen für die zu verabreichenden Medikamente drinstehen. Wieder im Zimmer falle ich in einen freudigen Kreischanfall. Plötzlich ist der Druck weg und ich kann es gar nicht erwarten, endlich wieder in den eigenen vier Wänden zu sein.

   

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