Tagebuch

Montag, 25. Oktober 2004

Das ungewohnte nächtliche Aufstehen geht an die Substanz, sowohl bei mir als auch bei Fabienne. Wir sind müde, erschöpft. Fabienne mag nichts essen, nur trinken. Entweder aus der Tasse, deren Vorzüge sie Knall auf Fall entdeckt hat, oder bei Mama an der Brust. Ich bin froh um die zwei Mahlzeiten, die ich bislang noch stillte. Inzwischen ist Fabienne zu wesentlich mehr Mahlzeiten übergegangen: ich stille wieder voll.

Fabiennes Augenhämatome sehen schrecklich aus, sind vom Blau ins Lila übergegangen. Der Arzt beruhigt mich. Wie bei einem echten blauen Fleck wird es dauern, bis die Ringe um die Augen verschwinden. Das beruhigt mich kaum, immerhin sieht Fabienne gerade aus, als hätte sie einer von uns verhauen. Ich spreche die Schwestern und Pfleger inzwischen mit dem Namen auf ihrem jeweiligen Schild an. Dennoch lasse ich kaum was an mich ran, blocke sicherlich nett gemeinte Angebote und Vorschläge ab. Aber dem Blick eines süßen kleinen Jungen kann ich nicht widerstehen und so lerne ich die erste Mutter auf Station kennen.

   

Dienstag, 26. Oktober 2004

Der letzte Chemotag für diesen ersten Block ist angebrochen.

Wir müssen (noch mit Tropf) zum Lunge röntgen. Dann wird Fabienne abgestöpselt, damit wir in Ruhe zur MIBG-Szintigraphie gehen können. Das Stillliegen gefällt Fabienne ganz und gar nicht. Wir machen die geplanten Bilder und vereinbaren für den Folgetag, dass Fabienne für die langen Aufnahmen sediert wird.

   

Mittwoch, 27. Oktober 2004

Die geplanten Schichtaufnahmen bei der Szinti laufen fast glatt. Fabienne wacht nur beide Male ein kleines bißchen zu früh auf. Für ein Ergebnis reichen aber die bis dahin ermittelten Daten. Allerdings kann die endgültige Auswertung dauern. Das Wichtigste an Informationen bekommen wir aber direkt vor Ort: Es gibt außer dem Tumor an der Nebenniere und der Metastase im Kopf keine weiteren mit Tumorzellen befallenen Körperteile.

Ein ausführliches Gespräch mit dem Oberarzt steht auf dem Programm: Verhalten mit einem krebskranken Kind zu Hause. Was ist zu beachten? Dass wir Rambo behalten dürfen (sogar sollen), das beruhigt mich ein wenig. Jetzt noch ein geliebtes Tier verlieren zu müssen, würde meine Kräfte wohl übersteigen. Aus psychologischer Sicht ist ein Weggeben aber für alle Familienmitglieder nicht gut, allen voran die Kinder, die mit dem Tier aufgewachsen sind.

   

Donnerstag, 28. Oktober 2004

Die Nebenwirkung Nummer 1 schlägt zu: Übelkeit und Erbrechen. Mitten in der Nacht geht es los. Die Heftigkeit, mit der sich Fabienne übergibt, erschreckt mich. Der Nachtdienst ist schnell, wechselt ohne große Worte die Bettwäsche und gibt Zofran gegen die Übelkeit. Zu dem Zeitpunkt ist nichts vom Abendessen mehr im Kind. Nur noch Muttermilch bleibt drin.

Wir dürfen an die frische Luft. Der Spaziergang tut uns beiden gut. Fabienne schläft entspannt wie seit Tagen nicht mehr und ich habe die Chance zum Durchatmen. Am liebsten würde ich weglaufen, aber das löst unser Problem nicht. Und es wäre Fabiennes Todesurteil. Also sauge ich die frische Luft in mich ein, versuche etwas Sonnenschein in mein Herz zu lassen und kehre dann schweren Herzens auf die Station zurück.

   

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